Bonding

Die ersten Minuten zählen. Ob bei einer neuen Bekanntschaft oder gar der Liebe auf den ersten Blick: Der erste Eindruck hinterlässt bleibende Wirkungen. Dass dies auch bei der Ankunft eines neuen Erdenbürgers der Fall ist, weiß man schon lange und widmet deshalb der Phase unmittelbar nach der Geburt besondere Aufmerksamkeit.
Dies wird als Bonding bezeichnet (engl. Bindung eingehen) und meint die erste Kontaktaufnahme zwischen dem gerade geborenen Kind und seiner Mutter/seinem Vater. Im Idealfall wird dabei das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt noch nackt und mit Nabelschnur auf den ebenfalls nackten Bauch bzw. auf die Brust der Mutter gelegt, warm zugedeckt und von der Mutter gehalten. Im Kreißsaal ist es sehr ruhig und still während dieser Momente.

Die meisten Eltern beginnen schon in der Schwangerschaft eine Beziehung mit ihrem Kind aufzubauen und es kennen zu lernen. Das Kind wird über die Bauchdecke gestreichelt und angesprochen. Die Mutter und manchmal auch der Vater spüren seine Bewegungen. Jedes Ungeborene knüpft erste Beziehungserfahrungen vor der Geburt. Es lernt den Tonfall und die Sprachmelodie der Personen kennen, die es direkt umgeben. Dabei wird dem Kind auch die emotionale Gesamtsituation vermittelt, es bekommt mit, wie die Stimmung im direkten sozialen Umfeld ist. Bei der Geburt kann es sogar einen Stillstand herbeiführen, wenn eine Beziehungsstörung zwischen Mutter/Vater und Ungeborenem besteht. Das Kind fühlt sich „mutterseelenallein“ und reagiert mit einer Blockade, die es jedoch auch wieder beheben kann, wenn seine Bedürfnisse erfüllt werden.
Eine gesunde Beziehung der Eltern zu ihrem Kind ist essentiell für die seelische und soziale Entwicklung des Kindes. Wie können die Hebammen im Kreißsaal die so wichtige Kontaktaufnahme nach der Geburt fördern? Im Kreißsaal des Diakonissenkrankenhauses versuchen die Hebammen dem Bonding nach der Geburt so viel Zeit wie möglich zu geben, die Mutter und Kind für die erste Kontaktaufnahme und das Begreifen des anderen brauchen. Dabei soll der Hautkontakt so wenig wie möglich unterbrochen werden. Das Abnabeln erfolgt nach angemessener Zeit in den Armen der Mutter. Das Kind, von der Mutter gehalten, schaut sie mit großen Augen an, es erkennt ihre Stimme wieder, ihren Herzschlag, fühlt bei der Mutter Geborgenheit und Sicherheit, die es braucht um seine Umwelt zu erkunden. Die Aufmerksamkeit der Mutter und des Vaters sollte ganz beim Kind sein und Ruhe in den Kreißsaal einkehren. Die Hebammen stehen beim ersten Stillen zur Seite und versuchen unnötige Störungen und Eingriffe fern zu halten. Denn ein ungestörtes Bonding erleichtert es Mutter und Kind ganz besonders, eine funktionierende Stillbeziehung aufzubauen.

Es gibt leider Situationen, in denen Mutter und Kind nach der Geburt getrennt werden. Falls ein Kaiserschnitt vorgenommen werden muss, versucht die betreuende Hebamme nach der Geburt noch im OP das Kind der Mutter solange wie möglich auf die Brust zu legen, um ein Bonding frühzeitig zu ermöglichen. Daraufhin darf der Vater im Kreißsaal das Bonding fortsetzen, indem er sein Kind auf die, wenn er möchte, nackte Brust legt, bis seine Frau aus dem OP zurückkommt. So versuchen wir dem Kind Sicherheit und Wärme durch vertraute Beziehungspersonen zu geben.
Falls dies so nach der Geburt nicht möglich war, helfen die Hebammen, Schwestern und Kinderkrankenschwestern auf unserer Wochenbettstation dabei, die Bondingsituation zu re-inszenieren, indem das Kind in den ersten Tagen einige Zeit nur mit Windel bekleidet auf Bauch und Brust der Mutter liegt. Denn Hautkontakt und Nähe zur Mutter fördern es, die Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen und bauen eine gesunde Stillbeziehung auf. Es kommt also auf den Anfang an – er ist entscheidend.

Judith Jungfer,
Hebamme im Diakonissenkrankenhaus